26.06.2014
Bildung braucht Zeit

26.06.2014

Nur durch einen Erfolg des Volksbegehrens zum G9 könne man eine Reform des seit zehn Jahren kritisierten gymnasialen Schulsystems erreichen, waren sich alle Podiumsdiskussionsteilnehmer im Prüfeninger Schlossgarten einig. Stadt- und Kreisverband der Freien Wähler hatten zu dieser Veranstaltung eingeladen, um das Thema kurz vor Beginn der Eintragungsfrist in den Rathäusern von allen Seiten zu beleuchten. Unter der Moderation von Kreisrat Thomas Dechant fokussierten neben dem bildungspolitischen Sprecher der FREIEN WÄHLER im Bayerischen Landtag MdL Günther Felbinger der Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes Regensburg Land Horst Bogner, der Bezirksvorsitzende des Philologenverbands Norbert Schedlbauer und als Elternvertreter Hans-Peter Landsmann die Mängel des derzeitigen Gymnasiums.

Die zahlreichen Lehrer und Schulleiter unter den Besuchern zeigten, wie sehr das Thema G8 gerade den Betroffenen am Herzen liegt. Auch wenn im Detail durchaus auch unterschiedliche Ansichten vertreten wurden, waren sich alle in einem Punkt einig: eine Reform des vor zehn Jahren unter der Ära Stoiber im Schnellverfahren eingeführten achtjährigen Gymnasiums ist dringend erforderlich. Einig waren sich die Fachleute auch, dass man zum Denken, zum Begreifen von Zusammenhängen und zur Reifung der Persönlichkeit Zeit benötigt. Nicht nur Ludwig Artinger sprach in seinem Grußwort von einer unter der Ära Stoiber völlig übereilten Einführung des achtjährigen Gymnasiums, das aufgrund des Volksbegehrens der FREIEN WÄHLER nun endlich auf den Prüfstand komme. Landrätin Tanja Schweiger, die das Thema noch als Abgeordnete angestoßen hatte, vermisst angesichts der intensiven achtjährigen Schulzeit die Möglichkeit, viele Interessen und Engagement auch außerhalb der Schule zu entwickeln und gab zu bedenken, dass gerade diese Orientierung auch zum Erwachsenwerden gehöre.

„Wenn alles mit dem bayerischen Gymnasium in Ordnung wäre, dann wären wir nicht hier“, konstatierte Felbinger und sprach von einer „10jährigen Baustelle G8“. Die Mehrzahl der Eltern wolle ein G9, doch man dürfe den Befürwortern des G8 nicht die Möglichkeit nehmen, sich für diese Schulform zu entscheiden, begründete er sein Plädoyer für die Wahlfreiheit zwischen den beiden Schulformen. Allerdings will er keine der beiden Schulformen in ihrer bisherigen Form, sondern in beiden Fällen Verbesserungen durch Neuerungen und Veränderungen. Sowohl er als auch Tanja Schweiger wussten zu berichten, dass die Universitäten über die mangelnde Studierfähigkeit der Abiturienten klagen. Die Qualität könne man aber nur steigern, indem man den Schülerinnen und Schülern mehr Zeit zum Lernen lasse, war sich Felbinger sicher. Die Zeit spielte auch beim Plädoyer von Norbert Schedlbauer eine große Rolle, denn aus Sicht des Pädagogen kann nur durch sie die Fähigkeit zu differenzierten Urteilen entwickelt werden. Derzeit könne man den Unterrichtsstoff nur präsentieren, statt ihn verständlich zu machen, gab er zu bedenken und brachte diese Aspekte mit der Feststellung „Bildung braucht Zeit“ auf den Punkt. Bogner konnte seinen Vorrednern nur beipflichten. Er sprach zudem von Versagensängsten, die bereits in der Grundschule beginnen und führte die Zunahme von Depressionen und Orientierungslosigkeit bei den jungen Menschen unter anderem auch auf das Schulsystem zurück.

„Das G8 ist zum Teil eine Katastrophe“, umschrieb Landsmann die Erfahrungen der Elternschaft. Anstelle eines „weichgespülten G8“ wollte er den Kindern ebenfalls mehr Zeit geben, um das Pensum schaffen zu können. In der sich anschließenden Diskussion wurde zudem deutlich, dass gerade die Fachleute die Reife der Schulabgänger in Frage stellten und davon ausgingen, dass gerade dieses eine Jahr eine bedeutende Rolle bei der beruflichen Orientierung spiele. Viele der G8-Absolventen suchten daher nach der Schule ein Auszeit, um sich auf diese Weise zu finden, belegten sie ihre Aussagen mit Beispielen. Nach einer intensiven Detaildiskussion bezüglich der Umsetzungs- und Reformierungsmöglichkeiten appellierte Artinger an die Anwesenden, alle Bedenken bezüglich der Umsetzungsmodalitäten „über Bord zu werfen“, sich in die Listen in den Rathäusern einzutragen, um durch ein erfolgreiches Volksbegehren die Erarbeitung einer langfristigen und tragbaren Lösung zu ermöglichen. „In dem Volksbegehren wird nicht über Details abgestimmt, sondern über eine Abkehr vom jetzigen G8!“, unterstrich Felbinger diese Aussage.